Es gibt Momente im Kita-Alltag, die einen sprachlos zurücklassen. Sie lassen einen am höflichen Umgang miteinander zweifeln und bringen das sozialpädagogische Gehirn in einen Strudel der Reflexion.
Ist Höflichkeit out?
Ich bin mir immer sicher, dass jeder mit einem freundlichen Gesicht begrüßt werden möchte und dass es auch Eltern wichtig ist, mit gutem Beispiel voranzugehen. Höflich ist es, morgens beim Bringen auf dem Flur in der Kita freundlich „Guten Morgen“ zu sagen. Höflich ist es, den Gruppenerzieher*innen des eigenen Kindes morgens mit einem kurzen Satz zu sagen, ob alles in Ordnung ist, oder wenigstens einen guten Morgen zu wünschen. Höflich ist es, sich zu entschuldigen, falls man mal zu spät kommt. Höflich ist es, abzusagen, wenn man einen Termin nicht wahrnehmen kann.
Wann bitte ist es passiert, dass solche Werte out geworden sind?
Natürlich sind damit nicht alle Eltern gemeint, aber ehrlicherweise ein erschreckend großer Teil. Dabei freut sich doch jeder, wenn mitgedacht wird und man das Gefühl hat, dass der andere einen als Person schätzt. Dazu gehört meiner Meinung nach auch der höfliche Umgang miteinander. Immer häufiger sind es aber genau diese Umgangsformen, die nicht mehr gewahrt werden. Da sind Mitarbeitende, die auf Eltern für ein Entwicklungsgespräch warten, obwohl der Termin gemeinsam festgelegt wurde. Auf Nachfrage wird nicht selten kurz abgewunken mit den Worten, dass das ja nicht so wichtig sein kann. Natürlich gibt es auch Eltern, die es schlichtweg im Trubel des Alltags vergessen haben und sich für die Unannehmlichkeit entschuldigen. Ein anderes Beispiel sind Kinder, die zu spät abgeholt werden und bei denen von den abholenden Personen kein Wort der Entschuldigung kommt. Ist es nichts Besonderes, das eigene Kind warten zu lassen? Für dieses Kind steht nicht der Grund der Verspätung im Vordergrund, sondern das Gefühl, von den eigenen Eltern eventuell vergessen worden zu sein, oder es fühlt sich allein, weil schon alle Freunde abgeholt worden sind.
Der Rattenschwanz dahinter
Betrachten wir einmal diese beiden Beispiele: Erstens ein Entwicklungsgespräch, das vergessen wurde und nachgeholt werden muss oder soll; zweitens das nicht pünktlich abgeholte Kind.
Zu Beispiel 1:
Der Betreuungsschlüssel in Niedersachsen liegt in einer Gruppe für Kinder über drei Jahre bei 25 zu 2. Ergo: Auf 25 Kinder kommen zwei Fachkräfte. Die Entwicklungsgespräche werden in der Regel einmal im Jahr angeboten – in „meiner“ Einrichtung immer um den Geburtstag des Kindes herum. Je nachdem, wann das Elternteil Zeit hat, werden diese Termine gelegt. Wenn ein Elternteil ausschließlich morgens oder vormittags kann, wird auch das möglich gemacht. In einem solchen Fall muss allerdings von Seiten der Kita eine Vertretungskraft in die Gruppe, weil sonst eine Fachkraft allein mit der kompletten Gruppe wäre. Ich gehe davon aus, dass auch Eltern nicht möchten, dass 25 Kinder auf eine erwachsene Person kommen. Es entstehen Überstunden, in vielen Einrichtungen muss die Vertretungskraft extra angefordert werden, und die Fachkraft in der Gruppe muss sich nicht nur einmal, sondern zweimal auf das Gespräch vorbereiten.
Zu Beispiel 2:
Im Fall des nicht abgeholten Kindes ist es noch ein wenig komplexer. Wenn die Betreuungszeit des Kindes um beispielsweise 15:30 Uhr endet, ist auch die Dienstzeit des Mitarbeiters in der Regel beendet. Schwer vorstellbar, aber auch Erzieher*innen haben ein Privatleben und legen häufig Termine gleich in den Anschluss an die Dienstzeit. So wie das auch viele andere Menschen mit anderen Berufen machen. Tatsächlich ist es rechtlich tragbar, aber einer anderen sonstigen Aufsichtsperson die Verantwortung für das Kind zu übertragen, realistisch gesehen, wird das wohl keine Fachkraft machen. Demensprechend wird mindestens ein Mitarbeitender in der Einrichtung bleiben und mit dem Kind auf die abholende Person warten. „Mein“ Personal wird nach spätestens 15 Minuten drüber anfangen die Telefonliste abzutelefonieren um herauszufinden, warum das Kind noch nicht abgeholt ist. Ich denke, im heutigen Zeitalter ist es nicht zu viel verlangt, einmal kurz in der Einrichtung anzurufen. Es kann ja sein, dass man im Stau steht, dass es beim Arzt länger gedauert hat, dass man einen Unfall hatte, etc.. Nett wäre es, wenn man versucht jemanden zu finden, der das Kind stattdessen abholt, aber wenn es nicht geht, dann ist es so. Wie gesagt, dass Kind wird nicht alleine gelassen, aber man kann so anders organisieren oder den eigenen privaten Termin nach hinten verschieben. Eventuell ist auch noch eine Fachkraft in der Einrichtung und bereitet etwas vor, dann kann das Kind bei dieser bleiben, bis es abgeholt wird. Auch in diesem Fall fallen Überstunden an, die eigentlich nicht eingeplant sind und wieder abgefeiert werden müssen.
Entschuldigen tut nicht weh
Ja, und das ist ein großes Thema! Zum höflichen Umgang miteinander gehört eine große Portion Kommunikation. Wir sind in der Kita bemüht den Kindern einen gemeinschaftsfähigen Sprachschatz aufzuzeigen, damit auf diesen im weiteren Verlauf des Lebens zurückgegriffen werden kann. „Entschuldigung“, „Bitte“, „Danke“, „Gern geschehen“ sind nur einige „Floskeln“ die zum Leben dazu gehören und die Nutzung dieser Worte tut nicht weh. Für das Gegenüber macht es aber tatsächlich einen Unterschied. Eine Erzieherin bleibt bei einem Kind, dass nicht pünktlich abgeholt wurde. Sie ruft bei ihrem lange erwarteten Facharzttermin an und sagt diesen ab. Die Mutter steht im Stau, hat nicht in der Einrichtung angerufen und sich auch nicht um eine andere abholende Person bemüht. Das Kind ist traurig und weint, weil es nicht versteht, dass es nicht abgeholt wird. Alle anderen Kinder sind im Gefühl des Kindes schon lange weg und das Kind spürt die Unruhe der sonst so vertrauten Erzieherin. Als nach 30 Minuten jemand mit langsamen Schritten zum abholen kommt, wird das Kind gefragt, warum es denn weint und das man auch mal der Letzte sei der abgeholt wird.
In diesem Konstrukt gibt es nur „Verlierer“. Das Kind, die Fachkraft, die abholende Person. Ganz anders hätte es sich verhalten, wenn die Mutter in der Kita angerufen- und die Situation erklärt hätte. Ganz anders hätte die Situation geendet, wenn die abholende Person in die Kita geeilt wäre und sich bei Kind und Erzieherin entschuldigt hätte. Sprechenden Menschen kann immer geholfen werden und sprechende Menschen schaffen Transparenz und Verständnis beim Gegenüber. In diesem Sinne eine freundliche Erinnerung an einen höflichen und freundlichen Umgang miteinander :-).


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